Ausgabe 3

Aachen, 30. November 2004

Ermutigende Reaktionen

Rechtzeitig zum Weihnachtsfest 2003 konnte die Ausgabe 2 von unserem Mitteilungsblatt Die Blaue Brücke redaktionell fertig gestellt, in eigener Regie gedruckt und versandt werden. Insgesamt waren es 65 Exemplare. Viele der Empfänger reagierten spontan und bedankten sich telefonisch, andere griffen zur Feder und schickten mir einige nette Zeilen und ermunterten mich zum Weitermachen. Bei allen bedanke ich mich recht herzlich; auch für so manches Scheinchen zur Aufbesserung der Portokasse.

Die von vornherein nicht zu beziffernden Unkosten zu Herstellung des Mitteilungsblatts können aber jetzt genau angegeben werden: Für die Ausgabe 2 betrugen die Kosten für Papier, Druck und Versand bei einer Auflage von 65 Exemplaren mit 12 Seiten Umfang genau 310,70 €, das sind 4,78 € pro Heft. Um dem Redakteur nicht alle Kosten anzulasten, sollte daher ab dieser Ausgabe eine Bezugsgebühr von 5,00 € entrichtet werden.

Hoch erfreut bin ich über die neuen Kontakte, die sich durch “Die Blaue Brücke” ergeben haben, insbesondere zu Harald Kohls (Sohn von Hans Hermann Kohls, Lange Str. 62), dem wir es zu verdanken haben, daß sich seit dem 18.01.2004 unser Heimatstädtchen Wangerin im Internet unter der Adresse www.wangerin-pommern.de weltweit präsentiert. Die Reaktionen auf diese Internetpräsenz aus dem In– und Ausland sind erstaunlich.

Im Juni/Juli fand die WangerinFahrt 2004 statt. Insgesamt 24 Heimatfreunde beteiligten sich an dieser Fahrt.

Im September 2004 fand das 18. Wangeriner-Treffen in Bispingen statt, an dem 54 Personen teilnahmen.

Alles Zeichen. daß die Heimatgruppe Wangerin noch  recht aktiv ist und eine Zukunft hat.

Manfred Enge

 

Wangerin-Fahrt 2004

Wie in der letzten Ausgabe angekündigt haben wir in diesem Jahr in der Zeit vom 27.06. bis 03.07. eine gemeinsame Wangerin-Fahrt unternommen.
Auf unserer Internetseite www.wangerin-pommern.de beschreibt Harald Kohls diese Fahrt so:

In Freienwalde (Chociwel) haben wir im wunderschönen Hotel, dem PALAC NAD JEZIOREM gewohnt, wo wir uns jeden Morgen zum Frühstück und jeden Abend zum Abendessen trafen. Das Hotel liegt in unmittelbarer Nähe des Staritz-Sees (Jezioro Starzyc) und nur 15 Autominuten von Wangerin entfernt.

Diese Wangerin-Fahrt war die erste Fahrt einer größeren Gruppe (24 Personen!) seit der Einweihung der Gedenkstätte auf dem Wangeriner Friedhof im Jahre 1993.

Zuerst haben wir gemeinsam den Friedhof mit der Gedenkstätte besucht, unserer Familien gedacht und einen Blumenstrauß niedergelegt.

Es folgten Tage mit Besichtigungen und Wanderungen in Wangerin und seinen Ortschaften ringsherum oder in den größeren Nachbarstädten in kleinen Gruppen.
Ein besonderes Ereignis war der Empfang unserer Gruppe beim Bürgermeister im Sitzungssaal des Rathauses, den Kurt Porath vorbereitet hatte und eine Besichtigung der renovierten Kirche mit dem Pfarrer.

Eine Einladung zu unserem Grillabend im Hotel nahm der Bürgermeister an und besuchte uns mit seiner Frau. An diesem Abend war auch Pawet Bot, ein junger Mann aus Wangerin, der sehr interessiert ist an der Geschichte seiner Heimatstadt und der ein Buch darüber geschrieben hat, unser Gast. Über unsere Aktivitäten im Internet hatte Harald Kohls zu ihm Kontakt bekommen. Sehr viele Informationen wurden ausgetauscht, so daß Pawet einige Kapitel seines Buches umschreiben oder ergänzen kann.

Sehr bedauert wurde von allen, daß der Mitorganisator Manfred Enge auf Anraten seiner Ärzte die Reise nicht antrat. An dieser Stelle sei ihm und Kurt Porath für ihre wertvollen Vorbereitungsarbeiten gedankt!

 

18. Wangeriner-Treffen in Bispingen 2004

Zum 18. Treffen in zweijährigem Rhythmus fanden sich vom 17. bis 19. September 2004 über 50 Landsleute aus dem Städtchen Wangerin und umliegenden Gemeinden des Kreises Regenwalde in Bispingen bei Soltau zusammen. Trotz der rückläufigen Besucherzahl entwickelte sich ein sehr lebendiges Miteinander, auch aus dem Umstand, dass etwa 20 Wangeriner erst 11 Wochen zuvor gemeinsam ihre Heimatstadt für mehrere Tage besucht hatten.

Diese Gruppe hatte, organisiert durch Ldm. Kurt Porath, in Freienwalde im neu hergerichteten Hotel „Palac nad Jeziorem“, der früheren Schule am Großen Staritzsee, eine gut geführte, empfehlenswerte Unterkunft gefunden. Da alle Teilnehmer mit ihren Autos angereist waren, konnten sie in der Heimat auch nach eigenem Ermessen täglich ihre Wunschziele aufsuchen und beim gemeinsamen Abendessen natürlich frisch von ihren jeweiligen Erlebnissen berichten. – Dieser Austausch neuer Erfahrungen mit den Stätten der Kindheit und der Begegnung mit den heutigen Bewohnern wurde nun in Bispingen mit den übrigen Freunden aus der Jugendzeit weitergeführt.

Herzlichen Dank an Paul Kohrt, der meisterhafte Filmaufnahmen sowohl aus der Heimat als auch vom letzten Wangeriner-Treffen im Jahre 2002 vorgeführt hat, sowie an Martin Müller mit seiner traditionellen Dia-Schau von unserer alten Heimatstadt, die erweitert auch neue Entwicklungen bis heute zeigte. Der Sonnabend klang aus mit Musik und Tanz und guter, herzlicher Stimmung.

Nach dem Kirchgang am Sonntag versammelten sich die Teilnehmer wie gewohnt auf dem Friedhof, um unserer Verstorbenen der letzten 2 Jahre zu gedenken und um Gottes Hilfe und Segen für unsere kranken Landsleute zu bitten.

Kurt Porath wünschte gute Heimfahrt und ein frohes Wiedersehen in zwei Jahren hier am Ort und für alle, die wieder Lust haben oder bekommen haben: Herzlich willkommen zur gemeinsamen Wangerin-Fahrt im Juni 2005 !

Kurt Porath

Die Pommersche Zeitung berichtete unter dem sinnigen Titel „18. Wangeriner Tauschbörse“ in der Folge 45/04 vom 06.11.2004 über dieses Treffen .

 

Kleines Wangeriner-Treffen - Bispingen 2005

Um uns nicht aus den Augen zu verlieren und weiterhin den Kontakt zu pflegen, findet auch im kommenden Jahr wieder ein

KLEINES WANGERINER-TREFFEN

in Bispingen statt und zwar am letzten Sonntag im Juli - also am 31. JULI 2005.

Besucher, die von weiter anreisen, treffen in der Regel schon am Samstag ein; die Mehrzahl kommt dann am Sonntag. Alle Wangeriner und Freunde unseres Heimatstädtchens sind eingeladen an dieser zwanglosen Zusammenkunft in der gemütlichen Atmosphäre des Gasthofs Rieckmann teilzunehmen.

 

2006:              19. WANGERINER-TREFFEN

Und wenn es auch noch fast 2 Jahre dauert, sollte heute schon jeder den Termin für das 19. Wangeriner-Treffen vormerken:

16. Und 17. September 2006

Dieses Datum sollte in jedem Vormerkkalender besonders markiert und für unser Treffen frei gehalten werden! Das Management von Rieckmanns Gasthof hat uns eine Terminzusage gegeben und stellt uns den Saal wieder kostenlos zur Verfügung.

Wir gratulieren

  • Paul Kohrt am 01.12.2004 zum 83. Geburtstag
  • Willi Lutzke am 21.12.2004 zum 86. Geburtstag
  • Hansgeorg Krumnow am 30.12.2004 zum 75. Geburtstag
  • Bruno Knauer am 25.12.2004 zum 74. Geburtstag
  • Christel Boski am 03.01.2005 zum 78. Geburtstag
  • Willi Menkens am 07.01.2005 zum 75. Geburtstag
  • Gerda Bröcker, geb. Kohls am 08.01.2005 zum 78. Geburtstag
  • Johannes Freitag, Dr. am 17.01.2005 zum 76. Geburtstag
  • Käthe Kurth, geb. Frühlung am 18.01.2005 zum  91. Geburtstag
  • Helga Fietz, geb. Trebeß am 26.01.2005 zum 80. Geburtstag
  • Franz Piepenburg am 29.01.2005 zum 92. Geburtstag
  • Hans Skripzak am 01.02.2005 zum 71. Geburtstag
  • Gerda Müller, geb. Gernath am 02.03.2005 zum 83. Geburtstag
  • Ernst Klockow am 03.03.2005 zum 84. Geburtstag
  • Otto Krumbügel am 11.03.2005 zum 78. Geburtstag
  • Klaus Tiedt am 22.03.2005 zum 76. Geburtstag
  • Kurt Porath am 23.03.2005 zum 79. Geburtstag
  • Rudi Muntau am 10.04.2005 zum 78. Geburtstag
  • Werner Habeck am 11.04.2005 zum 79. Geburtstag
  • Anni Gottwill, geb. Krüger am 13.04.2005 zum 87. Geburtstag
  • Karl Krumbügel am 20.04.2005 zum 85. Geburtstag
  • Dieter Hardt am 28.04.2005 zum 74. Geburtstag
  • Hartmut Liebmann, Dr. am 05.05.2005 zum 75. Geburtstag
  • Walter Bartz am 13.05.2005 zum 76. Geburtstag
  • Magdalena Häger am 15.05.2005 zum 80. Geburtstag
  • Martin Müller am 23.05.2005 zum 85.  Geburtstag
  • Kurt Kapischke am 28.05.2005 zum 84. Geburtstag
  • Ursula Tesch, geb. Krause am 22.06.2005 zum 79. Geburtstag
  • Gerhard Bauer am 27.06.2005 zum 75. Geburtstag
  • Hanni Lewin am 16.06.2005 zum 76. Geburtstag
  • Luci Wilke, geb. Krüger am 19.07.2005 zum 84. Geburtstag
  • Gisela Porath am 30.07.2005 zum 82. Geburtstag
  • Christa Plümer, geb. Radke am 30.07.2005 zum 78. Geburtstag
  • Christel Nicolaisen, geb. Ewald am 31.07.2005 zum 76. Geburtstag
  • Ina Bösch, geb. Möhlmann am 09.08.2005 zum 83. Geburtstag
  • Günter Neumann am 08.08.2005 zum 75. Geburtstag
  • Ilse Brüske, geb. Schmidt am 11.08.2005 zum 84. Geburtstag
  • Hans Rothenhagen am 24.08.2005 zum 85. Geburtstag
  • Robert Hardt am 29.08.2005 zum 70. Geburtstag
  • Walter Grunow am 07.09.2005 zum 86. Geburtstag
  • Gertrud Kleine, geb. Wilke am 05.09.2005 zum 84. Geburtstag
  • Hans Degner am 09.09.2005 zum 77. Geburtstag
  • Hildegard Koch am 13.09.2005 zum 89. Geburtstag
  • Margarete Kühl, geb. Ewald am 14.09.2005 zum 93. Geburtstag
  • Ilse Wöhner, geb. Baumgärtner am 16.09.2005 zum 81. Geburtstag
  • Anneliese  Häger am 28.09.2005 zum 86. Geburtstag
  • Irmgard Greczka, geb. Vogler am 16.10.2005 zum 73. Geburtstag
  • Hanna Böttrich, geb. Klebba am 06.11.2005 zum 83. Geburtstag
  • … und der Redakteur Manfred Enge wird am 27.02.2005 auch schon 70 Jahre alt !

 

Sie starben fern der Heimat

Anni Hardt, geb. Gundlach,
*  05.01.1904 in Wangerin (Kr. Regenwalde)

+ 10.11.2004 in Wahlstedt
    im Alter von 100 Jahren.

 

Elfriede Häger
*  17.03.1917 in Reetz (Kr. Arnswalde)
+ 27.09.2004 in Bruchsal
    im Alter von 87 Jahren.

 

Hildegard Vogt, geb. Sümnick
* 07.01.1920 in Wangerin (Kr. Regenwalde)
+ 09.10.2004 in Norderstedt
    im Alter von 84 Jahren,

 

Erna Schwarz, geb. Boski
*  12.06.1923 in Wangerin (Kr. Regenwalde)
+ 24.04.2004 in  ….
    im Alter von 80 Jahren.

 

Gerhard Buß      Manfred Liesener
* 1924       * 1935
+ Juni/Juli 2004     + 2004


Wir sprechen allen Angehörigen der Verstorbenen
unsere aufrichtige Anteilnahme aus.

 

Wangerin hatte viele Mühlen

Von den vielen Mühlen in Wangerin haben die Prillwitz‘sche Mühle und die Vereinsmühle die Zeit überstanden. Auch wenn sie heute anders genutzt werden, tragen die Gebäude im Kreise der Wangeriner immer noch ihre ursprünglichen Namen.

Der Vorgänger der Prillwitzschen Mühle war eine Holländermühle; sie ist 1912 abgebrannt. Max Prillwitz baute nach den Plänen des Baumeisters Dahlke eine moderne Industriemühle, die 1913 in Betrieb genommen wurde.

Die Windmühle am Gerdshagener Weg gehörte Bäcker Höfs.

Die Strey‘sche Windmühle befand sich auf dem Mühlenberg unmittelbar hinter dem Grundstück Strey an der Klaushagener Str. 25. Sie wurde von Fam. R. Strey und als Nachfolger E. Perlitz bis in die 20er Jahre betrieben. Leider gibt es keine Detailaufnahme.

Am Bahnübergang stand die sogen. Vereinsmühle, die Industriemühle des Ein- und Verkaufsvereins. Dieser hatte die Mühle in der Inflationszeit von der Familie Saats übernommen. Geschäftsführer war der alte Herr Kleindienst, sein Sohn Walter war Obermüller.

Dann gab es noch die Vorpahlsche Wassermühle an der Ecke Lange/Freienwalder Str. mit einem oberschlägigen Mühlrad. Diese wurde zwischen 1934 und 1936 abgerissen, um die unübersichtliche Ecke, an der viele Unfälle geschahen, auszubauen. Müller Vorpahl kaufte sich dafür die Ruhnower Wassermühle.

 

Erzählte Geschichte: Der Ausrufer

In meinem Heimatstädtchen Wangerin, Kreis Regenwalde, erschienen die amtlichen Bekanntmachungen der Stadt in der Presse, z.B. in der Wangeriner Zeitung oder in der Kreiszeitung für den Kreis Regenwalde/Dramburg. Als Kinder haben wir in den 30er Jahren noch den Ausrufer Hermann Rühlow mit seiner kräftigen Stimme kennengelernt. Wenn es eilig war mit der Bekanntgabe von Nachrichten; musste er aktiv werden. Er war Junggeselle im fortgeschrittenen Alter und half auch bei einigen Bürgern bei gelegentlichen Arbeiten. Im städtischen Dienst benutzte er eine Bronzeglocke mit hölzernem Griff, die er fest in der rechten Hand hielt, in der linken hatte er einen beschrifteten Kanzleibogen. Mit kräftigem Schwung brachte er die Glocke zum Klingen, so dass es weithin vernehmbar war, und oft auch uns Kinder anlockte. Er las laut und deutlich den Text vom Blatt ab, der stets mit dem Wort: „Bekanntmachung" begann. Dabei betonte er die erste Silbe stark. Wir Kinder fanden es neckisch, das Wort auch so zu sprechen und ahmten es immer wieder nach, bis daraus schließlich für unseren Ausrufer der Ulkname „Be-Kanntmachung" entstand.

Der Ausrufer ging durch alle Strassen unseres Städtchens: Vom Markt bis zum Gerdshagener Ende, von der Labeser Chaussee und ihren Nebenstrassen zum Bahnhofsbereich, dann zur Langen Strasse. Von der Freienwalder- führte sein Weg zur Nörenberger Strasse, über Petermannsweg zum "Gut" und von dort zur Gienower- und Dramburger Strasse, ohne die Nebenstrassen zu vergessen. So erfuhren die Einwohner schnell die amtlichen Nachrichten. Bei seinen Pflichten - mitten auf der Fahrbahn stehend - ärgerten ihn  die rasselnden Pferdefuhrwerke sehr, und er warf den Kutschern das oft von ihm gebrauchte Schimpfwort "Himmelschockschwere-notsakrament" zu. Die drohten mit der Peitsche.

Bei den amtlichen Nachrichten, die Hermann Rühlow "ausklingelte", ging es manchmal um Mitteilungen, die auch die Hausfrauen interessierten. Es ging z.B. um den Verkauf von schnell verderblichen Lebensmitteln, insbesondere von Freibankfleisch, der vor dem Spritzenhaus zu einem Sonderpreis u. a. von 0,35 RM je 500 gr. erfolgte. Dieses Fleisch stammte von notgeschlachteten oder verunfallten Tieren. Der Amtstierarzt hatte es begutachtet und für den Verzehr freigegeben. Die Hausfrauen, die sich vor dem Spritzenhaus zum Kauf einfanden, hatten es oft schon ausgekundschaftet, wer der Besitzer des Tieres war und warum es notgeschlachtet werden musste. Davon hing ihr Einkauf ab. Bei Tisch wurde aber nie erwähnt, dass es sich bei dem größeren Sonntagsbraten um preisgünstiges Freibankfleisch handelte.

Unser Ausrufer, Hermann Rühlow, nahm u. a. auch eine fantasievolle Aufgabe wahr, zwar nur an einem Tag im Jahr - am Heiligen Abend. Dann trat er bei einigen Wangeriner Familien an der oberen Langen Straße als Weihnachtsmann auf. Sein Äußeres war für diesen Zweck so echt umgestaltet worden, dass die Kinder ihm ehrfürchtig begegneten, wenn er dort die Geschenke aus dem Sack schüttete oder die Rute schwang. Er war einer der Weihnachtsmänner, deren Tätigkeit beim Verlassen des Hauses mit einem größeren Geschenk bedacht wurde.

Ursula Tesch

 

Advent 1944 in Wangerin

Wir sind ja jetzt in der Adventszeit, und ich meine, Advent gehört einfach zu Weihnachten, und so will ich in die Adventszeit 1944 zurückgehen. Die sechste Kriegsweihnacht stand vor der Tür. Ich war Lehrling in einem Lebensmittelgeschäft, nicht zu vergleichen mit einem Supermarkt heute. Kaufen konnte man nur, was es auf Lebensmittelkarten gab, die gab es immer für vier Wochen. Wenig genug, wenn man ausschließlich davon leben mußte. Zu Weihnachten gab es für Kinder eine Sonderzuteilung irgendwelcher Bonbons, 125 g, keine Schokolade oder Südfrüchte, eventuell mal Äpfel, eine Kostbarkeit zu damaliger Zeit. Was es in jenen Tagen bei uns zu kaufen gab, vergesse ich nicht. Backaroma mit  Apfelsinengeschmack, davon wollte jeder etwas haben; kein Wunder, daß viele Kuchen in und um Wangerin nach Apfelsinen schmeckten. Es gab viel zu tun im Geschäft in diesen vorweihnachtlichen Tagen, besonders im ersten Monatsdrittel, wenn es neue Lebensmittelkarten gegeben hatte. Von: den Dörfern kamen sie mit Pferd und Wagen, um gleich alles auf einmal einzukaufen, meistens. waren es die alten Bauern aus Piepstock, Blankenhagen, Ruhnow, Zeitlitz und Klaushagen und den anderen Dörfern. Sie sprachen fast alle unser pommersches Platt. Unser Lehrling im 2. Jahr kam aus der Schweiz und verstand kein Platt, er war ganz unglücklich. Ich konnte ihm des öfteren helfen, wenn er nicht weiter wußte. Meine Eltern sprachen untereinander Platt, und unsere Verwandten auf den Dörfern auch. Ich hatte es aufgeschnappt, und es kam mir hier sehr zugute. Des öfteren hörte ich dann, „wi lure, bit dat Mäke sowiet is!"

Eines muß ich aber auch sagen, so schwer die Zeit auch war, die Freude der Kinder war doch da: Ob der Weihnachtsmann uns was bringen wird? Für die Frauen und Mütter war es eine schwere Zeit, zumal alles immer knapper wurde. Von dem wenigen was es gab, wurde für die Weihnachtszeit gespart: Mehl und Zucker zum Backen, Bonbons wurden gekocht, falscher Marzipan gemacht, um den Kindern eine Freude zu machen. Aus alten Sachen wurde Neues genäht, aus Wollresten bunte Pullover, Mützen und Handschuhe gestrickt. Wer geschickt im Basteln war, fertigte Transparente und dergleichen an. Auf unserem Marktplatz stand wie in jedem Jahr eine große Tanne, aber ohne Kerzen, es war ja auch sonst alles verdunkelt. In diesem Jahr fiel der Weihnachtsabend auf einen Sonntag; bis Sonnabendmittag war noch voller Betrieb im Laden, dafür war es am Nachmittag verhältnismäßig ruhig. Die Geschäfte hatten damals auch sonnabends bis 18 Uhr auf. Die letzte Stunde haben wir fast nur Senf verkauft (wir sagten dazu Mostrich, und das stand auch an dem Behälter.) Als mir das einfiel, mußte ich richtig schmunzeln. Diesen gab es ja ohne Marken. Nach der Abrechnung wünschte unsere Chefin uns frohe Weihnachtstage und jeder bekam eine Tüte als Geschenk mit.

Ich bekam noch an jenem Abend „mein Weihnachtsgeschenk": Meine langen Zöpfe wurden abgeschnitten, und ich bekam eine neue Haarfrisur. Bei meiner Großtante war der Bruder ihrer Schwiegertochter zu Besuch, ein Friseurmeister. Oh, wie stolz war ich darauf. Denn Dauerwellen gab es erst ab 16 Jahren, und ich war noch nicht einmal 15 1/2, und wann sollte ich zum Friseur gehen? Ich hatte nicht mal Zeit dazu.

PZ 47/93 vom 27.11.1993                Christel Nicolaisen

 

Die Blaue Brücke

erscheint in unregelmäßiger Folge, mindestens aber einmal im Jahr.

Redaktionelle Mitarbeit, Text– und Bildbeiträge sind durchaus erwünscht.

Die Seite „Wir gratulieren“ kann für Familienanzeigen jeder Art genutzt werden.

Zur Veröffentlichung überlassene Originale von Fotos oder Dokumenten werden nach drucktechnischer Behandlung selbstverständlich wieder zurückgegeben. Vorschläge zum Layout werden dankbar entgegen genommen.

Der Unkostenbeitrag in Höhe von 5.- € wird auf mein (Manfred Enge) Konto Nr. 285 730 bei der Sparda-Bank West (BLZ 370 605 90) erbeten.

November 2004, Manfred Enge

 

WebDesign: Kohls-Multimedia Bad Salzuflen

 Letzte Aktualisierung: 23.08.2021

Diese Seite wird gesponsert von Kohls-Multimedia-Technik aus Bad Salzuflen

www.kohls-online.de